Aktuelles im Juni 2024

Menschenhandel in der Schweiz

 

In der Deutschschweiz waren letztes Jahr 238 Personen Opfer von Menschenhandel. Dies meldete die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. 206 der Opfer (86 Prozent) waren weiblich, 13 diversgeschlechtlich, 19 männlich.
Drei Viertel der ausgebeuteten Personen waren im Sexgewerbe tätig, 10 Prozent in der Haushalts- und der Care-Arbeit. Dazu gibt es eine bedeutende Ausbeutung in Nagelstudios und Barbershops.

Allerdings kommen nur etwa 80 Fälle pro Jahr in der Schweiz wegen Menschenhandels vor Gericht und es kommt nur zu vereinzelten Verurteilungen. Die Dunkelziffer ist hoch, die bekannten Fälle sind die Spitze der Spitze des Eisbergs.

Ausbeutung Pflege

Denn in der Schweiz müssen ausserdem immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen betreut werden. Dies geschieht öfters durch sogenannte Care-Migrantinnen aus Osteuropa. Ihre Arbeit besteht aus betreuen, pflegen, einkaufen, waschen, bügeln und putzen. Und einer ständigen Verfügbarkeit! Genaue Zahlen gibt es nicht. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan spricht in einer Studie von einem «statistischen Niemandsland».

Die Schätzungen gehen aber von mindestens 30’000 Pflegenden aus, die oft schamlos ausgenützt werden. Die Löhne sind zu tief, die Betreuerinnen oft nicht versichert und die Arbeitszeiten unzumutbar hoch. Nicht wenige arbeiten für unter 2’000 Franken Monatslohn bei Kost und Logis bei 24 Stunden Präsenz. Sie arbeiten viele Wochen hintereinander ohne freien Tag.

Die ausländische Pflegerin wird meist von einer betroffenen Familie eingestellt und reist per Touristenvisum in die Schweiz ein. Sie arbeitet ohne Arbeitsvertrag und Versicherungen, ist nicht angemeldet und bezahlt keine Steuern. Somit kann sich die Pflegerin gegen Ausbeutung nicht wehren – sie braucht das Geld dringend und arbeitet schwarz!

 

Rechtliche Lücken

Andere Pflegerinnen reisen für 90 Tage ein und werden dann abgelöst. Dies ist durch die Personenfreizügigkeit möglich. In diesem Bereich gibt es seriöse und nicht selten unseriöse Agenturen. Der geltende rechtliche Rahmen ist kompliziert und weist Lücken auf.

Claire* Tochter einer demenzkranken Mutter, berichtet ausserdem, dass selbst Schweizer Behörden involviert sind. Die Berufsbeiständin der Mutter schlug vor, aus dem Osten eine Pflegerin zu holen, das sei billiger. Die Tochter wies darauf hin, dass die genannte Agentur sehr fragwürdig sei – und erhielt die Antwort, sie könne sich als Angehörige selbst ausbeuten oder dann eben eine solche Frau!

 

Ausbeutung der Angehörigen

«Ich habe das Erste gemacht. Ich erhielt von der Beistandschaft jahrelang drei Franken pro Nacht für die Betreuung der dementen Mutter. Als ich Ferien einforderte, hiess es, dies sei ein unzulässiger Vermögensverzehr der Mutter, denn man müsse dann ja andere Leute bezahlen.» Sie klagte die Ferien per Obergericht ein. Danach forderte die Behörde sie auf, Adressen von FreundInnen zu nennen, die gratis die Ferienbetreuung leisten sollten.

Pflegende Angehörige – in der Schweiz sind dies 600’000 Personen – arbeiten wie Care-Migrantinnen oft bis zur Erschöpfung und werden unzulänglich entlastet. Dazu kommt, dass sie nur eingeschränkt erwerbstätig sein können. Sie leben mit wenig Geld und sind im Alter deswegen oft arm, denn sie haben Lücken in der Pensionskasse. Dazu werden sie überdurchschnittlich häufig krank.

Das System der Pflege ist in der Schweiz lückenhaft, es fehlt an bezahlbarer und flexibler Unterstützung. Dies öffnet der Ausbeutung Tür und Tor. Bis hin zum Menschenhandel.

 

St. Gallen, Ende Mail 2024 von Christiane Faschon

* Der Name ist geändert

 

 

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